Raja – die Geschichte eines ganz besonderen Hundes und wie sie mein Leben prägte

Am 10.10.2008 bist du als Tochter von unserem Diensthund Eddie geboren. Die Voraussetzungen für so ein kleines Lebewesen hätten nicht schlechter sein können. Deine Mutti Käse war mit den 11 Welpen dermaßen überfordert, so dass sie 8 deiner Geschwisterchen getötet hat. Aber auch du, dein Brüderchen und deine Schwester hatten es danach nicht leichter. Viel Liebe und Wärme habt ihr nicht erfahren. Gewohnt habt ihr in einer Scheune mit deiner Mutti zusammen bis zur 8. Woche. Danach bist du mit deiner Schwester zusammen zu einem Hundeplatz-Kollegen des „Züchters“ in eine andere Scheune gezogen. Damals sagte ich noch zu Uli: Von diesem Wurf würde ich niemals einen Welpen nehmen … aber es kam anders … 

Am 16.12.2008 war ein schwarzer Tag für mich, denn ich musste meine Seelenhündin Tabea mit nur 6 ½ Jahren gehen lassen. Ich trauerte furchtbar, so dass mein Exmann mich überzeugte, dass ich mir die Welpen doch einmal anschauen solle. Das haben wir dann getan … und du kleine Hexe wusstest sofort, dass es jetzt der richtige Zeitpunkt war, sich gut darzustellen … und ich nahm dich genau 1 Monat nach Tabea’s Tod, am 16.01.2009 mit nach Hause.

Es zeigten sich sehr schnell die Nachwirkungen einer mangelhaften Aufzucht und Prägung. Z.B. waren andere Hunde eine Gefahr und Menschen waren auch nicht so deins. Aber hey, damals dachte ich noch großkotzig: „Das kriegen wir schon hin! Wofür mache ich gerade ein Studium zur Tierpsychologie!“

Wir starteten sofort in die Rettungshundeausbildung und schnell wurde klar: Arbeiten ist deine Welt! In dieser Arbeit warst du glücklich, klar und fühltest dich sicher! Umweltsicher hast du die Geräte bestiegen und du liebtest Kinder! Nicht zuletzt deshalb, weil die kleine Mia mit dir gemeinsam die Rettungshundewelt eroberte. Du konntest nicht normal zur Anzeige laufen, ohne vorher einen kleinen Umweg zur Krabbeldecke zu nehmen, damit du Mia einen Schlabber im vorbeilaufen verpassen konntest.

Leider wuchsen im privaten Leben aber auch die Probleme. Einige unliebsame Hundebegegnungen von Tut-Nix-Hunden reichten dir, um statt die Konfliktlösung „Flucht“ die für dich einzige wahre Lösung „Fight“ zu zeigen. Angriff war die beste Verteidigung. Eine Hetzjagd von einem Labbi-Mix war der Auslöser … zweimal holte er dich ein und stampfte dich in den Boden. Danach hast du nie wieder Schwäche bei einem Hund gezeigt.

Fremden Menschen außerhalb deiner sichereren Burg waren ein Konflikt für dich und ein manche Erfahrungen zeigten dir auch, dass es wohl berechtigt war. Ein pöbelnder Landwirt, Jagdpächter die einen belehren wollten ... sie waren unfreundlich und durch deine unfassbar schnelle Auffassungsgabe und auch deiner Genetik war schnell dein Weltbild von bösen Menschen gefestigt. 

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Viele Ratschläge versuchte ich umzusetzen. Ich ging in die Welpenstunde von Suse mit dir … ich glaube 1 oder 2 Mal … danach waren Suse und ich uns sicher, dass es dir und vor allen Dingen den anderen Welpen nicht gut tat. Danach versuchte ich es auf der Hundewiese … Sozialkontakte!!! Sie braucht Sozialkontakte! Ähm ja … es sah dann so aus, dass ein gestromter Welpe in der Wiese stand oder lag und alle gestandenen Hunde sehr wohl verstanden haben, dass man sich von dem gestromten Etwas fernhalten sollte. Was erreichte ich damit?! Das deine Art, dich vor anderen Hunden zu schützen, sehr wohl funktionierte. BINGO! Hast du ja richtig gut gemacht Betty!

Nun gut, trotz alledem haben wir einiges erreicht und einen jungen Hund kann man auch noch recht gut einschüchtern und so kam es, dass wir den Eignungstest in Osnabrück erfolgreich bestanden. 2 Jahre haben wir es ganz gut geschafft. Du konntest mit einigen Hunden in der Staffel mitlaufen, die dich einfach in Ruhe ließen. Du machtest einen guten Job in der Arbeit! Mit ein wenig Distanz konnten wir an anderen Hunden vorbeigehen.


Dann kam der Wendepunkt. Ich wollte das Verhalten gegenüber anderen Hunden noch verbessern. Schließlich stand irgendwann die Rettungshunde-Prüfung im Raum. Und da sollte es bombensicher sein.

Leider wurde ein Training, wo ich Hilfe von außerhalb dazu nahm, der Schlüsselmoment, der alles zerstörte. Du wurdest einer Hundebegegnung schutzlos ausgeliefert und konntest nicht raus aus der Situation. DAS war der Moment, wo ALLES für dich richtig schlimm wurde! In dieser Situation waren Schafe in der Nähe. Also zeigtest du Aggressionen gegen alle Vierbeiner, die wir trafen. Bei einer Hundebegegnung drehtest du dich um und packtest mich … und es hat dir Erleichterung verschafft. Die Tür zur umgelenkten Aggression war geöffnet. Danach wurde es echt hart für uns und mir kommen jetzt noch die Tränen, wenn ich daran denke. Ich hätte dich davor schützen müssen!!!

Eins wurde mir dann aber bewusst: Ich hatte mit dir einen Hund, der hohe Aggressionen von seinem Vater Eddie geerbt hatte, dafür aber überhaupt keine Nerven. Dein Leben bestand aus Konflikten … mit Hunden, mit fremden Menschen. Deine Zündschnur war extrem kurz. Erstmal reagieren und dann drüber nachdenken. Und deine Reaktion war blitzschnell. Ich kenne keinen Hund, der so schnell reagieren konnte!

Dazu kam dann, dass du auch in der Arbeit wechselhaft wurdest. Manchmal schontest du ein Bein, manchmal arbeitetest du gut und manchmal warst du ausgebremst. Tierärztliche Untersuchungen folgten … du hattest schon mit gerade mal 2 Jahren Spondylosen, die dir Schmerzen bereiteten. Vermutlich waren die Schmerzen auch ein Grund mit, warum du so reaktiv warst.

Ich habe mir die Entscheidung damals nicht leicht gemacht, aber ich endschied, dass du kein Rettungshund wirst. Eine wirklich schwere Entscheidung, da Rettungshundearbeit mein Leben war und deins ja eigentlich auch. Jedoch durftest du weiterhin arbeiten, so wie es dir gefällt und guttat. Du bekamst Gold-Akupunktur, die leider nicht erwünschten Erfolg brachte. Richtig geholfen haben dir die Behandlungen mit Tante Anke. Sie sorgte dafür, dass es dir wieder besser ging! Danke dafür liebe Anke!

Nun gut. Zu dieser Zeit war mir klar, dass wir einen anderen Weg gehen müssen. Ich holte mir Input von Seminaren und lernte Gott sei Dank tolle Referenten wie Ute Blaschke-Berthold, Maria Hense, Gerd Schreiber und Gerrit Stephan kennen. Esther Schalke kannte ich schon seit vielen Jahren und auch hier holte ich mir immer mehr Input.

Aufgeben war noch nie eine Lösung. Es wird nur kurz geduckt um dann noch höher und weiter springen zu können. Und so saugte ich förmlich sämtliches Fachwissen auf, damit ich dir helfen konnte.

Ich nahm alles an Stress raus und wir fingen an, ganz langsam, Schritt für Schritt, Vertrauen aufzubauen. Mein Verständnis für dich wuchs jeden Tag mehr und wir machten nur noch dass, was du leisten konntest. Wir haben unseren Weg gefunden und wuchsen wie eine Einheit zusammen. Die umgelenkte Aggression zeigtest du nur noch in Situationen, die wir nicht managen konnten. In stressigen Momenten hatten wir unseren Maulkorb dabei und so konnte ich dich souverän durchführen, was unser Vertrauen wieder verstärkte.


Mit der Zeit war unsere Bindung so stark, dass du mir vertraut hast. Ein Griff ins Halsband oder ins Geschirr, welcher positiv aufgebaut war, gab dir Sicherheit und wir konnten viele brisante Situationen meistern. Ein Schritt zurück, wenn es zu viel wurde, Click for Blick, Konditionierte Entspannungen, Massagen … wir lernten gemeinsam dazu. Ich wusste, wie du tickst und du wusstest, dass du mir vertrauen konntest. Und noch viel wichtiger war, dass wir unsere Grenzen kannten und darüber sind wir nicht mehr hinausgegangen. Alles hat eine Grenze und es ist wichtig, diese zu kennen.

Raja, du warst ein Ausnahmehund. Du warst immer ehrlich und direkt, niemals falsch und hinterlistig. Wenn dir etwas zu viel wurde, dann sagtest du es deutlich. Hatte man dein Herz erobert, dann warst du die beste Freundin und Beschützerin, die man sich vorstellen konnte. Jeder, der hinter diese Fassade schauen konnte, hat einen wunderbaren liebenswerten Hund kennen und lieben gelernt.

Leider gab es viele Menschen, die unseren Weg nicht verstanden haben. Viele Besserwisser, die meinten, dass sie es besser machen könnten. Andere haben mir geraten, dich einzuschläfern ... Einige hatten Angst vor dir und haben dich nie kennengelernt, wie du wirklich warst. Das tut mir leid. Gerne hätte ich der ganzen Welt gezeigt, wie toll du warst. Aber man wird durch unseren Weg auch stärker, klarer, mich kann so vieles nicht mehr schocken. Sollen doch alle denken, dass ich mit Wattebäuschchen werfe. Wenn man damit so viel erreichen kann … so what! Dann ist das wohl so und ich bin stolz darauf.

Alles, was wir gemeinsam erarbeitet haben, kann ich nun an andere Menschen und Hunden mit ihren Konflikten weitergeben. Du warst mein Arschengel, der mich geformt und geschliffen hat. Du bist eine Kämpferin und Heldin. Ich werde dir immer dankbar sein! Ich bereue keinen Tag, keine Erfahrung, denn wir sind gemeinsam stark geworden! Man bekommt nicht den Hund, den man sich wünscht, sondern den, den man braucht ... so war es bei uns mein Engel. Wir waren mit Feivel zusammen ein Dreamteam und im Herzen werden wir es auch immer bleiben. 

Ich liebe dich bis zum Mond und wieder zurück. 

Raja 10.10.2008 - 02.10.2020